Das Wunder-head-Set The Dash von Bragi (Bild: ©Bragi)
Das Wunder-head-Set The Dash von Bragi (Bild: ©Bragi)

Alle Welt spricht ja gerade von dem Kickstarterprojekt „The Dash“. Bei The Dash handelt es sich um ein Paar Kopfhörer, die komplett ohne Kabel auskommen. Es sind quasi zwei getrennte Ohrstöpsel, die via Bluetooth miteinander und mit einem gekoppelten Smartphone kommunizieren. Ein bisschen wie die Split-Earbuds, nur erheblich durchgestylter und mit viel mehr Funktionen. Der große Run und die Aufmerksamkeit haben die Teile sich allerdings mit den zusätzlich angekündigten Features geholt.

The Dash soll nämlich neben den reinen Bluetooth-Headsetfunktionen noch Fintesstrackfunktionalitäten inklusive Puls-Messung haben. Außerdem hat es  noch selber 4GB Speicher für Musik, die dann ohne Smartphone abgespielt werden kann. Die Liste der Fähigkeiten dieses Wunderwerkes ist erstaunlich lang.  Thermomenter, Sensoren, Touchpanel, Smartphone-Koppelung, Mikrophon mit automatischen Umgebungsgeräuschfilter…vermutlich wurde das Projekt deshalb bereits nach drei Tage gefundet und wird nach aktuellen Prognosen die 4000% Funding ankratzen.

Kabellos ist ja eigentlich eine klasse Sache, nur was mache ich, wenn die Hörer nicht perfekt sitzen? Zwar werden drei Silikon-Formen mitgeliefert, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Ohrstöpsel nur mit individuell angefertigten Orthoplastiken wirklich sicheren halt finden. Und selbst die kann man wenn man es drauf anlegt rausrütteln.  Das war schon zu Zeiten so, als ich noch mit In-Ear-Monitoring mit meiner Band über die Bühne gerockt bin und ist heute nicht viel anders. Zwar sitzen z.B. meine Sony NWZ-273W sehr sicher, aber ab und zu rutschen sie dann doch mal raus. Und wenn man im Lauf nur einfach mal daneben langt, die Mütze falsch runter zieht oder mit den Bügeln der Sportbrille dagegen stößt: Wenn beide Hörer miteinander per Kabel verbunden sind hält der Zweite meist den Ersten noch oben. Wenn diese Sicherheitsleine fehlt landet der Stöpsel vermutlich irgendwann auf dem Boden.  Beim Lauf durch Stadtpark mag das ja noch gehen, aber wehe es passiert einem beim Queer-Feld-Einlauf durch das frische Herbst-Laub oder beim Volkslauf, wo dann 10.000 Paar Füße danach über das Teil rüber trampeln. Ich sehe schon die ganzen stolzen Besitzer des Dash’s mit den guten alten Schweißbändern aus den 80er rumlaufen, weil sie so sicher stellen wollen, dass ihr Dash nicht flöten geht.

Die Bedienung des Dash (Bild: ©Bragi)
Die Bedienung des Dash (Bild: ©Bragi)

So beeindruckend die Featureietis hier sein mag macht mich das Dash aber doch ein bisschen nachdenklich. Ich persönlich habe meine Zweifel an dem Teil. Primär möchte ich als erstes den Liefertermin in Frage stellen. Die ersten Geräte im Oktober auszuliefern, wenn das Design erst im Januar finalisiert wurde und die Verhandlungen mit den Herstellern erst im Februar statt finden halte ich für unrealistisch. Als Beispiel möchte ich hier Pressy anführen. Hier handelt es sich um einen einfachen, simplen Knopf, der von Kickstart-Ende bis Auslieferung 5 Monate veranschlagt hat und jetzt auch, wie nicht anders zu erwarte, die erste Verzögerung zu vermelden hat. Die technische Umsetzbarkeit eines Wunderwerks wie The Dash dürfte um Längen größer sein.

Mich würde auch interessieren, wie weit Bragi, die Firma, die hinter The Dash steht mit ihren Prototypen ist und in wie weit sie bei der Umsetzung der biometrischen Funktionen schon funktionsfähige Exemplare vorweisen können. Die Big Player in der Fitness-Industrie haben es ja erst jetzt so langsam geschafft, Pulsmessung ohne Gurt ansatzweise genau in Fitnesstracker am Arm zu integrieren. In so einen kleinen Ohrstöpsel dürfte noch erheblich weniger Platz sein, was das Unterfangen bestimmt nicht einfacher macht.

Die Präsentation bei Kickstarter hat mir persönlich zu viele Renderings und zu wenig Bilder von bereits existierenden Prototypen. Bei einem so kleinen Gerät ist es natürlich auch schwierig anhand von Fotos zwischen funktionslosen 3D-Drucken und Geräten mit echter Technik zu unterscheiden.

Was wieder etwas Hoffnung macht ist, dass der CEO von Bragi vorher bei Harman (JBL & harman/kardon) der Designchef war. Vielleicht besitzt er ja dadurch die Connections, die den anderen Start-Ups bei Kickstarter fehlen. Ein weiterer Vorteil: Es handelt sich so wie es aussieht um eine deutsche Firma. Wenn also etwas schief geht oder später ein Garantiefall eintreten sollte muss man nicht mit dem Pferd nach Texas oder dem Drachen nach China reiten. Per Drahtesel nach München reicht aus. Noch besser natürlich, dass der Hersteller hier vermutlich nach deutschen Verbraucherschutzrecht handeln muss.

Kleiner Knopf im Ohr... sieht ja nicht schlecht aus. (Bild: ©Bragi)
Kleiner Knopf im Ohr… sieht ja nicht schlecht aus. (Bild: ©Bragi)

Wer mit zu erwartenden Verzögerungen leben kann darf also sein Glück versuchen. Wer lieber auf Nummer sicher geht wartet, bis das Teil wirklich auf dem Markt ist. Kostet dann zwar statt 199 $ gleich 299 $, aber man darf folgendes nicht vergessen: Die Versandkosten dürften dann geringer sein, da man nicht mehr den Standard 15 $ Versand von Kickstarter sondern nur den normalen innerdeutschen Versand zahlen muss und die ersten Kinderkrankheiten dürften dann schon behoben sein. Die baden ja in der Regel diejenigen aus, die das Teil als erstes haben wollen. Außerdem kann man bei einer regulären Bestellung das Teil bei nicht gefallen oder wenn es einfach nicht passt wieder zurück schicken. Das könnte sich bei einem Kickstarterprojekt als schwieriger erweisen, auch wenn es sich um eine deutsche Firma handelt. Bin mir jetzt nicht sicher, in wie weit dies rechtlich schon mal betrachtet worden ist, da laut Kickstarter man ja eigentlich kein Produkt kauft sondern eher eine Firma bei der Entwicklung eines Produktes unterstützt und dann ein Exemplar als Dankeschön bekommt. Jetzt müsste man Jurist sein.

Bin gespannt, wann die Teile ausgeliefert werden und ob sie dann auch alle versprochenen Features wirklich umgesetzt haben.

 

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