Ein paarmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Retro-Tach. Retro ist ja gerade mal wieder in. Nicht nur im Bereich Telespiele. Auch der Kameramarkt erlebt zurzeit eine erstaunlich große Retrowelle. Fast kein Hersteller, der nicht eine Digicam im Retrolook auf den Markt wirft. Angefangen hat es glaube ich mit Fujifilm, dann kam Olympus usw., usf. Gut, Leica war schon immer schön retro, aber leider für die meisten, auch sehr ambitionierten Hobbyfotografen, mindestens genauso unerschwinglich. Gerade im oberen Preissegment scheint man sich darauf zu besinnen, dass der Bedienung Drehräder und richtige Schalter zuträglicher sind als Touchscreen, Multifunktionswippen und sonstiger Sensor-Kram.

Aktuellen Gerüchten/Informationen nach soll Nikon jetzt auch mit der Nikon Df endlich mal an der Retro-Schraube drehen. Als alter Nikonianer, der sich von seiner schönen, alten F4s nur mit vielen Tränen getrennt hat und eigentlich immer eine Nikon Fm haben wollte, ist das natürlich ein Grund für schlaflose Nächte. Zur Fm hätte das Geld leider erst gereicht, als analog schon nicht mehr auf dem Tagesplan stand. Da hat sich dann auch mal die Vernunft zu gute einer D700 mit passenden Optiken gemeldet.

Insofern warte ich gespannt darauf, ob Nikon mit der Df eine Kamera auf den Markt bringt, die es im Punkte Haptik und Optik mit der Fm aufnehmen kann.

Generell beteilige ich mich nur sehr ungerne an den üblichen Gerüchteküchen und Kaffeesatzlesereien. Das können andere besser. Ob die Kamera nun 14,16, oder 18 Mp, 39 AF-Punkt oder 2016-px RGB-Sensoren besitzt, ist für mich eher unerheblich. Mit der Bildqualität meiner D700 bin ich zufrieden, da wird die erwartete Df sicher nicht schlechter sein. Ich frage mich gerade nur, warum ich bei der Ankündigung einer Df schon etwas aufgeregt bin, mich die letzten Vollformat-Modelle (D4, D800, D600, D610) aber doch ziemlich kalt gelassen haben. Versuchen wir das doch mal zu ergründen.

So müssen Bedienelemente aussehen. Nikon F4s von oben mit abgenommenen Sucher.
So müssen Bedienelemente aussehen. Nikon F4s von oben mit abgenommenen Sucher.

Technisch haben sich die Kameras zwar durchaus in den letzten Jahren weiterentwickelt. Nur gibt es nicht mehr die gigantischen Sprünge der digitalen Gründerjahre. Ich denke, wir haben mittlerweile einen Stand erreicht, in dem wieder die Fähigkeit des Fotografen (und des Bildbearbeiters als Äquivalent zum Foto-Laboranten) im Vordergrund stehen. Ein paar Pixel oder ISO mehr bringen einem persönlich keine besseren Bilder wenn man nicht in der Lage ist, seine Kamera richtig zu bedienen oder das Bild vernünftig zu komponieren. Insofern sprechen neue Features zwar den Geek in mir an, den inneren Fotografen lassen sie aber kalt.

Da spielt die ebenerwähnt Bedienung schon eher eine Rolle. Konnte/musste man früher alle Einstellungen an klar definierten Drehrädern und Hebeln vornehmen haben sich in den letzten Jahren eher die variablen Bedienkonzepte durchgesetzt. Knöpfe wurden doppelt und dreifach belegt, wenn sie nicht sogar komplett weg optimiert wurden. Ob aus ästhetischen oder finanziellen Gründen will ich jetzt mal dahin gestellt lassen. Touchscreens ohne haptisches Feedback geben mir aber nicht das schöne Gefühl, das Gerät wirklich physikalisch zu beherrschen. Mehrfach belegte Knöpfe, die je nach Situation etwas anderes machen setzen voraus, dass man genau weiß in welchem Modus man sich gerade befindet. Man verliert schneller den Überblick. Ein paar Sachen sind sicherlich der fortschreitenden Technik geschuldet. Zu analogen Zeiten gab es Belichtungszeit und Blende, Auslöser und einen der Situation passenden Film. Eventuell noch einen Knopf mit dem man Blenden- oder Zeitautomatik einschalten konnte.  Das war es. Heute muss man sich um Weißabgleich, Iso, Schärfealgorithmus, Dateiformat und noch viel mehr kümmern. Da reichen die paar Drehräder klassischer Kameras nicht aus. Trotzdem bringt es Vorteile, die am häufigsten benutzen Funktionen direkt auswählbar zu machen. Da ist glaube ich ein Drehrad, bei dem man auch gleich noch ablesen kann, auf welchen Wert es steht, immer noch die bester Methode. Schnell zu nutzen, schnell zu überblicken. Und da ich mich schon beim Drehrad festgeschrieben habe kommen wir gleich zum nächsten Punkt: dem Design.

Russiche Wertarbeit, aufs Minimum reduziert. Hasselblatt-Kopie Kiev 88. Auslösegefühl wie der Abzug eines russichern Panzers.
Aufs Minimum reduziert. Hasselblatt-Kopie Kiev 88 aus den UDSSR. Auslösegefühl wie der Abzug eines russichern Panzers.

Die modernen Kameras sehen irgendwie alle ziemlich gleich aus. Kleine Kiste aus dem Windkanal, ein paar Knöpfe dran, großes Display. Würde ich generell nicht als unpraktisch bezeichnen aber es fehlt mir die Seele. Keine Ecken und Kanten, an denen sich das Auge brechen kann. Der Blick rutscht ab ohne irgendwo hängen zu bleiben, genau wie die Hand, die auf der versiegelt, glänzenden Oberfläche das Material nicht mehr fassen kann.  Wie schön waren die guten alten Kameras, bei denen es ein sattes Klick, ein spürbares Einrasten gab, wenn man an dem Rad drehte. Keine Plastikhubbel, die man runterpresst und hofft, dass es irgendwo piep macht, damit man weiß, dass man die gewünschte Aktion auch ausgelöst hat. Sicherlich vermische ich jetzt etwas günstige Konsumerknipsen mit hochwertigen Pro und SemiPro-Kameras, aber übertreiben macht ja schließlich anschaulich.

Zeiss Ikon Contaflex
Zeiss Ikon Contaflex

Wenn ich mir die Sucher aktueller Kameras anschaue (so sie überhaupt noch einen haben) kommen mir echt die Tränen. Warum hat die Fotoindustrie es beim Umschwung von analog auf digital nicht geschafft, die Suchergröße vergangener Zeiten wieder zu erreichen. Selbst der Sucher meiner D700 ist gefühlt ein Witz gegenüber dem Sucher der alten Zeiss Ikon Contaflex, die ich noch im Schrank liegen habe. Der Trend, nur noch auf das kleine Display auf dem Rücken der Digi-Quetschen zu glotzen ist mir echt ein Rätzel. Für eine durchdachte Bildkomposition ist meines Erachtens der Sucher immer noch das einzig wahre und richtige Werkzeug. Nur durch den Sucherbetrachtet bekommt man genügend Abstand von der Umwelt um sich auf das Motiv zu konzentrieren. Keine Ablenkung, keine lahmen Arme, keine Probleme im hellen Sonnenlicht.

Und was erwarte ich mir nun von der Nikon Df? Ich hoffe auf eine Kamera mit Charakter. Die Bilder, die man über die Teaser-Videos schon erahnen kann, sehen ja schon recht vielversprechend aus.

You might also enjoy: