Hoher Haben-wollen-Faktor... auf dem ersten Blick - TAG Heuer Connected Watch (Bild: © TAG Heuer)
Hoher Haben-wollen-Faktor… auf dem ersten Blick – TAG Heuer Connected Watch (Bild: © TAG Heuer)

Mit der Apple Watch wollen sie es aufnehmen. So wurde es zumindest vorab durch die Medien geblasen. So war es denn auch naheliegend, dass TAG Heuer für den Marktstart der ersten hochpreisigen Smartwatch eines Schweizer Uhrenherstellers sich der Präsentationsmethode Apples bediente. Der Chef des Ladens sprach in einem Livestream vor einem illustren Publikum (weiß jemand, wer der Leder-Rocker a la Village People in der ersten Reihe war?). Nur halt eine Nummer kleiner. Wo bei Apple früher Steve Jobs und heute Tim Cook mit ruhiger aber eindringlicher Ansprache die Einzigartigkeit von Design und Features ihrer Produkte preisen brüllte gestern ein Jean-Claude Biver wie ein wütender Gartenzwerg seine Meinung mit einer Lautstärke in den Raum, dass sich die Balken bogen. Leider stand das Produkt auch nur bedingt im Vordergrund. Vielmehr feierte man sich und die tolle Zusammenarbeit mit Intel und Google, prognostizierte einen Eintrag in die Geschichtsbücher und verteilte Kuhglocken und Käse.

Und wo wir gerade bei Käse sind. Die TAG Heuer Watch erinnert mich ein wenig dran. Sicherlich wohl aktuell der hochwertigste und vielleicht auch wohlschmeckendste Käse. Aber immer noch Käse. Harter Käse, harte Worte. Wieso?

Macht auf den Bildern schon was her. Aber stimmen die inneren Werte? (Bild: © TAG Heuer)
Macht auf den Bildern schon was her. Aber stimmen die inneren Werte? (Bild: © TAG Heuer)

Werfen wir einen Blick auf die Uhr. Die TAG Heuer Connected Watch basiert laut ablogtowatch.com locker auf der TAG Heuer Carrera Heuer 01. Man kann glaube ich erwarten, dass Qualität und Verarbeitung des Gehäuses gleich hohen Maßstäben der mechanischen Verwandtschaft des Hauses entsprechen dürfte. Verwendet werden Titan und Saphir-Glas. So soll trotz der großen Abmessungen von 46mm Durchmesser und 12,6 mm Höhe mit einem 1,5“-Display (360x360px) ein möglichst geringes Gewicht erreicht werden.

Genau genommen war es das dann auch schon mit der Haben-Seite. Die technischen Innereien sind dann eher Standard. Ein Intel Atom Z34XX Prozessor werkelt mit zwei Kernen im normalen Betrieb bei 500 mHz vor sich hin. Wenn mehr Leistung gebraucht wird können bis zu 1.6 GHz abgerufen werden. 1GB Hauptspeicher und 4 GB Speicher für Daten sind auch eher Standard. Neben den üblichen Bewegungssensoren sind noch Bluetooth und WiFi verbaut. Die 410 mAh ist zwar deutlich größer als bei der Apple Watch. Batterien dieser Größe gab es aber schon letztes Jahr und zu einer längeren Laufzeit soll diese der Uhr auch nicht verhelfen. 25 Stunden werden hier angegeben.

1500$ und ein Plastikarmband... ehrlich? (Bild: © TAG Heuer)
1500$ und ein Plastikarmband… ehrlich? (Bild: © TAG Heuer)

Soweit gesehen steckt in der Connected Watch also eine ganz normale Smartwatch, die man in ähnlicher Ausstattung von vielen anderen Herstellern für erheblich weniger Geld beziehen kann. Umso schlimmer, dass TAG Heuer als Betriebssystem auf Android Wear setzt. Ich bin jetzt kein Android Wear-Profi, aber jedes Mal, wenn ich bis jetzt eine Wear in der Hand hatte endete es in wildem rumswypen und schnellem Orientierungsverlust. Eine Konkurrenz zur Apple Watch bezüglich der Bedienung und der Unterstützung von In-Watch-Apps ist Wear meines Erachtens aktuell noch nicht. Und so erweist sich die Ansage, es mit Apple aufnehmen zu wollen auch eher als Marketing-BlaBla. Erst recht wenn man bedenkt, dass Google Anpassungen an Wear nur in sehr geringem Rahmen zulässt. Auf Betriebssystemseite dürfte sich die TAG Heuer dann wohl rein durch ein paar Ziffernblätter durch andere Wear-Geräte unterscheiden.

Ein weiterer Punkt, der mich enttäuscht ist die Wasserdichtigkeit. Mit normalen TAG Heuer Uhren kann man problemlos eine Runde Tiefseetauchen gehen. Bei der Connected Watch muss wieder der rattige IP67 Standard herhalten, der maximal 30 Minuten Tauchdauer bei 1 Meter Tiefe erlaubt… wenn man ihn maximal auslegt. Kann genauso gut auch sein, dass das Teil nach einer Runde ausgiebigen Geschirrabwaschens Wasser gezogen hat. Damit tut sich TAG Heuer glaube ich keinen gefallen.

Immerhin haben die Leute sich ein paar Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit gemacht. So ein Smartwatch-Kern hält ja vermutlich nur zwei bis drei Jahre. Irgendwann wird die Prozessorleistung nicht mehr ausreichen oder der Akku macht die Grätsche. 1500 $ alle zwei Jahre für eine neue Uhr? Ok, das Klientel wird es sich vermutlich leisten können. Aber auch unter den Reichen und Schönen soll es ja vernünftige Leute geben. TAG Heuer hat sich hier folgendes ausgedacht. Ist die 2 Jahre-Garantiezeit rum kann man seine Connected Watch einfach zu einer mechanischen Uhr umbauen lassen. Kostet auch nur noch mal weitere 1500 $. Wobei man dann unter dem Strich wohl in dem Bereich landen wird, den eine normale mechanische TAG kostet. An sich eine gute Idee. Nur Schade, dass man nach 2 Jahren dann auf eine mechanische Uhr umsteigen muss. Warum kann man den Smartwatch-Kern nicht gegen einen neuen austauschen lassen? Technische Hürden lasse ich da nicht gelten. Die Abmessungen der Innereien werden sich in den 2 Jahren wohl kaum vergrößern und für einen klassischen Uhrenhersteller sollte es doch wohl möglich sein, das Gehäuse entsprechend zu entwerfen.

Ich hege da eher die Vermutung, dass die alten Connected Watches nicht umgebaut sondern einfach durch mechanische ausgetauscht werden. Ist aber jetzt wirklich nur eine Vermutung. Werden wir wohl zwei Jahre drauf warten müssen und schauen, ob die ersten, die das Angebot annehmen, dann ihre alten Abnutzungsspuren am Gehäuse wiederfinden.

Für mich ist die TAG Heuer unter dem Strich also eher eine Enttäuschung. Eine Menge 08/15-Technik mit einem nur bedingt nutzerfeundlichen Betriebssystem für sehr viel Geld in einem immerhin sehr schönen Gehäuse. Und um das einzige Plus nicht zu sehr glänzen zu lassen wird die Uhr nur mit Gummiarmbändern in 7 unterschiedlichen Farben angeboten. 1500 $ und dann nur Gummiarmbänder? Spätestens wenn man sich die lieblose Verpackung anschaut kann man echt das Gefühl bekommen, dass Tag Heuer der Uhr selber nicht viel zutraut. Ich habe selten erlebt, dass so eine große Marke auf einmal so viele Chancen verspielt. Schade, schade.

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