Hifi für die Handtasche - der Pono Music Player (Bild: Kickstarter/ © the PonoMusic Team)
Hifi für die Handtasche – der Pono Music Player (Bild: Kickstarter/ © the PonoMusic Team)

Wenn ein Gadget bei Kickstarter so durch die Decke geht wie der von Neil Young imitierte Phono Music kann ich mich eines Kommentares nicht enthalten.

Die audiophilen Gemüter haben seit der Digitalisierung der Musik ja nicht mehr so viel zu lachen. Eher zu meckern. Analog und Schallplatte war ja eh immer der bessere Klang. Da war es irgendwie schon lange überfällig, dass die HiFi-Esoterik sich ihren Weg in die Welt der mobilen Musik bahnt.

HiFi-Esoterik

Über die technischen Details möchte ich ehrlich gesagt nicht allzu viel schreiben. Das können andere besser. Unter dem Strich handelt es sich wohl um einen kleinen Musikplayer mit zwei Audioausgängen, der zwar in der Lage ist, ein paar andere Dateiformate als die sonst üblichen abzuspielen, aber dafür auf Grund des Formates nicht mehr richtig in die Hosentasche passt und außerdem mit gut 300 $ plus Nebenkosten nun nicht unbedingt ein Schnäppchen ist. Wobei der Preis bei Leuten, die sich dem akustischen Hochgenuss verschrieben haben ja generell eher zweitrangig ist. Da werden schon mal 1500 Euro pro Meter Lautsprecherkabel ausgegeben.

Aber auch wenn es jetzt in den Fingern kribbelt, sich über die Mythen der Sounderzeugung auszulassen: auch das können andere besser und fundierter. Eine schöne Adresse hierfür ist hifiaktiv.at.

Gut, ein bisschen muss ich dann doch noch drauf hauen. Wenn man sich die Innereien des Ponos so anschaut erinnert das jetzt nicht unbedingt an die Heavy-Duty-High-End-Ich-Bring-100Kg-auf-die-Wage-Anlagen wahrer Klang-Fetischisten. Entweder ist das Material dann doch nicht so wichtig oder der Pono selber lässt es an highendigkeit vermissen. In beiden Fällen Stoff für Diskussionen.

Gehen wir mal davon aus, dass die Hardware von den Audioeigenschaften hält, was sie verspricht, könnte man sich jetzt noch die Frage stellen, welche externen Klangerzeuger man anschließt. Nutzt man den Pono an einer Stereoanlage stellt sich die Frage, ob es nicht vielleicht schon von anderen Herstellern ähnliche stationäre Geräte gibt, die besser ins Ensemble passen.

Überschaubarer Inhalt (Bild: Kickstarter/ © the PonoMusic Team)
Überschaubarer Inhalt (Bild: Kickstarter/ © the PonoMusic Team)

Für den mobilen Klanggenuss sollte man sich überlegen, welche Kopfhörer man an das Teil anschließt. Soll es wirklich audiofiel sein darf man da ja nicht sparen. Die Speaker sind meist das schwächste Glied der Hardware-Kette. Und will man mit seinen High-End-Kopfhörern wirklich draußen durch die Gegend laufen?  Wie bekomme ich meinen analogen Röhren-Kopfhörer-Vorverstärker mit in die U-Bahn? Schwierig.

Weiche Ware

Das eigentliche Problem liegt aber nicht unbedingt auf der Hardware-Seite. Das Klang-Material ist das Problem. Es bringt  nichts, seine normalen MP3-Files auf das Teil zu spielen. Höhere Abtastraten und bessere Dateiformate sind gefragt.

Clever wie Neil Young und die restlichen Jungs von Pono Music nun mal sind haben sie sich auch gleich den dazugehörigen Music-Store ausgedacht. Zu Preisen von 15 bis 25 $ pro Album ist die Musik dort kein Schnäppchen. Außerdem ist man darauf angewiesen, dass der Shop auch gerade die Künstler im Angebot hat, die man hören will. Ein Glücksspiel.

Aber es wird noch schlimmer. Ich habe schon ein paar Mal Musik auf einer Anlage gehört, deren Anschaffungskosten im 6-Stelligen Bereich lagen. Ist zwar etwas her, die Erkenntnis daraus dürfte aber immer noch Gültigkeit haben. 95% aller Musik, die man heutzutage gekauft bekommt ist akustischer Müll.  Die Scheiben, die wirklich so gut aufgenommen und abgemischt sind, dass sie auf einer richtigen High-End-Anlage eine Offenbarung sind, kann man an ein paar Händen abzählen. High-End verzeiht keinen noch so kleinen Fehler im Studio.

Die Realität sieht heut zu Tage leider so aus, dass Musik nicht für teure Anlagen sondern für Autoradios, Smartphones und Radio abgemischt wird. Der ganze Kram wird so tot komprimiert, dass man Dynamik mit der Lupe suchen muss. Und das passiert durchaus zurecht: mischt man Musik für High-End-Anlagen ab klingt diese nämlich auf günstigen Anlagen meist nach Blech, da sie mit der Dynamik und dem Klangvolumen gar nicht umgehen können.

Hat man nun das Glück, dass man Musik von Bands hört, die noch viel Mühe in den Sound stecken, könnte sich der Pono vielleicht bezahlt machen. Natürlich nur, wenn diese dann auch im Pono-Webshop zu haben sind. Dann kann es jedoch ein Erlebnis sein. Persönlicher Tipp von mir: „I will remember“ von Toto’s Tambu. Man denkt echt, dass man hinter dem Schlagzeug sitzt.

Passt der eigene Musikgeschmack nicht zum Katalog des Pono-Webshops und ist man nicht bereit, vermutlich ein Vielfaches des Playerpreises für einen wirklich guten Kopfhörer auszugeben, sollte man sich die Ausgabe besser sparen. Egal wie viele mit Neil Young befreundete greise Musiker das Teil in den Himmel loben. Ein Porsche lohnt nicht, wenn im ganzen Land nur Tempo 30 erlaubt ist.

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