Bis zur CES dauert es noch ein paar Tage und bei Kickstarter sind die Leute, die ganz bestimmt unglaublich tolle, neue Projekte an den Start bringen, alle noch im Weihnachtsurlaub. Nutzen wir die Zeit einfach mal um einen generellen Blick auf Kickstarterprojekte zu werfen. Worauf lässt man sich da ein, womit muss man rechnen?

No risk, no fun

Kickstarter ist ja eine Plattform, auf der Leute Projekte finanzieren lassen können. Bei den meisten Projekten, die in Richtung Produkt gehen sieht dies so aus, dass die Projektinhaber den potentiellen Unterstützern (auch Backer oder Pledger genannt), für einen Betrag X ein Exemplar zusichern, bevor dieses überhaupt existiert. Man kauft also bei Kickstarter keine fertigen Produkte sondern unterstützt eine Firma darin, ein Produkt zu entwickeln und bekommt als Belohnung dafür ein Exemplar desselbigen.

Der Vorteile für die Firma liegt klar auf der Hand. Sie muss sich nicht einen Investor suchen und dann hoffen, dass die Produkte, die mit dem geliehenen Geld abgesetzt werden dann auch am Markt so gut laufen, dass die Firma das Geld auch wieder zurückzahlen kann. Vielmehr können sie durch die bei Kickstarter eingegangenen Unterstützungen schon mal genau abschätzen, wie viele Exemplare mindestens hergestellt werden müssen und sich der Finanzierung dieser schon mal sicher sein (zumindest solange kein Unterstützer nachträglich sein Gebot wieder zurückzieht, was ganze Projekte durchaus ins Wanken bringen kann).

Dem Unterstützer winken Vorteile meist in Form günstigerer Preis und schnellerer Verfügbarkeit als später im regulären Handel. Oft gibt es auch Sondereditionen, die es später im Handel nicht geben wird, Zubehör und manchmal auch Mitsprachemöglichkeiten bei der Entwicklung und Einbindung in den Entstehungsprozess

Risiken sind bei Kickstarterprojekt durchaus vorhanden. Das größte Risiko für Firmen und Unterstützer dürfte das Scheitern des Projektes trotz erfolgreicher Klickstarterkampagne (Funding) sein. Gründe hierfür gibt es viele. Von schlechter Projektplanung bis hin zu  gestiegenen Rohstoffpreisen kann einem viel einen Strich durch die Rechnung machen. Eine Erhebung, wie viele Projekte trotz erfolgreichem Funding scheitern habe ich jetzt nicht gefunden. Wenn dies passiert sollte man als Backer sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass man sein Geld in den Sand gesetzt hat. Das muss man sich immer in Erinnerung rufen, bevor man ein Projekt unterstützt.

Halbe Sachen

Ein weiteres, vermutlich viel verbreiteteres Risiko bei Kickstarterprojekten dürfte sein, dass das Produkt, was man zugeschickt bekommt nicht ganz dem entspricht, was in der Kickstarterkampagne angepriesen worden ist.  Kickstarter und alle anderen Crowdfunding-Sites auch sind letztendlich nur Marketingplattformen. Wer am lautesten schreit verkauft die meisten Fische. Außerdem sind die Produkte, die angeboten werden ja i.d.R. immer noch in der Entwicklung. Da kann es schon mal vorkommen, dass Features, die einem wichtig sind im Nachhinein wieder gestrichen werden, weil die Hersteller in der späteren Umsetzung herausfinden, dass die Features zu teuer oder nicht umsetzbar sind.

Schönes Beispiel hierfür dürfte die Wasserfestigkeit bei der Leikr Sportswatch sein. Leikr hat den Verklebeprozess des Gehäuses nicht so optimiert bekommen, dass sie eine Wasserdichtigkeit wie im Projekt angekündigt garantieren konnten. Wenn man etwas Glück hat bekommt man dann angeboten, vom Kauf zurückzutreten, wie es bei Leikr der Fall war. Da würde ich mich aber nicht drauf verlassen.

Handelt es sich um ein Produkt, dass auch eine Softwarekomponente hat, kann man auch davon ausgehen, dass die Programmierung am Anfang, d.h. nach Auslieferung noch mit Fehlern kämpfen wird und relativ Feature-arm sein dürfte. Je nach Hersteller wird dies jedoch im Laufe der Zeit behoben werden. Man darf auch hier nicht vergessen, dass man kein fertiges Produkt aus dem Ladenregal kauft, das vorab durch tausend Qualitätssicherungsstufen und Produktzyklen gelaufen ist. Die meisten Kickstarterprojekt dürften von eher kleinen Teams ins Leben gerufen werden. Da fehlt einfach die Manpower zum feingranularen Bugfixing. Lebt die Firma lange genug hat man allerdings gute Chancen, dass die Softwareausstattung mit der Zeit funktionieren wird.

Garantiert Garantie?

Was passiert, wenn das Produkt seinen Geist auf gibt? Auch hier sind starke Nerven gefragt. Als erstes muss man sich anschauen, aus welchem Land das Produkt kommt. Je nach Land gibt es unterschiedliche Richtlinien bezüglich Gewährleistung und Garantie. Da die meisten Kickstarterprojekt wohl aus den USA kommen, kann man sich in der Regel die 2 Jahre Gewährleistung, an die wir uns in Deutschland gewöhnt haben, in die Harre schmieren. Im Garantiefall muss man das defekte Produkt meist wieder in das Land zurückschicken, aus dem der Projektinhaber stammt. Das ist meist mit nicht unerheblichen Versandkosten und Lieferzeiten verbunden. Man sollte nicht davon ausgehen, dass die Firma die Rücksendekosten übernimmt.

Wie lange das mit der Garantie funktioniert hängt auch von der Langlebigkeit der Firma ab. Macht die nach Auslieferung der Kickstarter-Produkte wieder dicht kann man auch davon ausgehen, dass man hier nicht auf sein Recht pochen kann. Die Garantiefrage ist also auch ein kleines Glücksspiel. Ebenso sieht es auch mit Ersatzteilen aus.

Geduld, Geduld

Ein Backer braucht Geduld. Zwar benennen alle Projekte eine voraussichtliche Lieferzeit, die wenigsten dürften diese jedoch einhalten. Mir ist so auf Anhieb gerade kein Projekt bekannt, dass seinen Termin wirklich eingehalten hat. Verzögerungen um mehrere Monate dürften eher die Regel sein.

Bei Verzögerungen, so sie sich im Rahmen halten, sollte man nicht zu ärgerlich werden. Oft sind diese dem Entwicklungsprozess geschuldet und kommen der Qualität des Produktes zugute. Es ist doch besser einen Monat länger zu warten als ein Gerät zu bekommen, bei dem schon nach zwei Tagen die Knöpfe abfallen. Auf keinen Fall sollte man ein Projekt in der Erwartung unterstützen, zum genannten Zeitpunkt das Produkt in den Händen zu halten. Will man also ein Kickstarterprojekt zu Weihnachten verschenken tut man gut daran eins zu wählen, dass im Sommer ausgeliefert werden soll.

Nebenkosten

Eine weitere Falle bei Kickstarterprojekten sind die Nebenkosten. Das eigentliche Produkt ist meist recht günstig, besonders wenn man einen Early Bird erwischt oder der Wechselkurs gerade günstig ist. Die Versandkosten werden bei Kickstarter immer am Pledge mit angegeben. Sollte man aber auch beachten, denn gerade bei sperrigen Gegenständen können die sehr hoch werden. Kommt das Produkt aus einem Nicht-EU-Land muss man meist noch Zoll und Steuer zahlen. Ein Betrag, den viele nicht auf dem Zettel haben und der durchaus gut zu Buche schlagen kann. Da die Freigrenzen relativ gering sind sollte man sich vorab schon mal einen Überblich über die zu erwartenden Kosten mittels Einfuhrkostenrechner verschaffen. Nicht wundern, wenn der tatsächliche Betrage dann noch etwas abweicht. Legt der Hersteller zum Beispiel nicht die notwendigen Unterlagen gut sichtbar dem Paket bei kann das Paket beim Zoll hängen bleiben. Je nach Paketdienst können dann auch noch zusätzliche Bearbeitungsgebühren hinzukommen.

Rosarote Brille ab

Eine Menge Risiken birgt so ein Kickstarterprojekt. Wie kann man jetzt abschätzen, ob das Projekt etwas wird? Eine gute Frage. Als erstes sollte man die Gier bei der Beurteilung eines Projektes ausschalten. Rosarote Brille ab und im ersten Schritt schauen, ob es das Produkt nicht vielleicht von einem anderen Hersteller im eigenen Land schon zu kaufen gibt. Die Racedots-Laufbandhalterung ist hier ein schönes Beispiel. Nicht alles, was bei Kickstarter als große Innovation angekündigt wird ist wirklich neu.

Schritt 2 ist eine Beurteilung der Bilder des Projektes. Sind es nur 3D-Renderings? Wenn ja könnte es sein, dass die Firma noch sehr weit vom finalen Produkt entfernt ist. Sind schon Prototypen abgebildet und wie dicht sind selbige an einem fertigen Produkt dran? Je besser die Prototypen aussehen desto fortgeschrittener wird das Projekt sein. Ein toll aussehender Prototyp bedeutet allerdings noch lange nicht, dass der auch später in Masse umsetzbar ist. Da man heutzutage mit 3D-Druckern schnell schöne Prototypen zaubern kann ist das höchstens ein Indiz. Wenn der Protoyp schon funktionsfähig in einem Video zu sehen ist gewinnt das Indiz jedoch an Gewicht. Reine Dummies sagen letztendlich nicht so viel aus. Die sind eher als Absichtserklärung zu werten.

Als nächstes schauen wir uns die Kommunikation an. Gibt es viele Updates? Wird aktiv via Facebook, Google+ und Co. kommuniziert. Werden Kommentare bei Kickstarter beantwortet? Viel hilft viel, zumindest wenn es um den Informationsaustausch geht.

Verstummt

Leider muss man sagen, dass auch die umtriebigsten Kickstarterfirmen bezüglich der Kommunikation nach Ende des Projektes meist einschlafen. Wird der Unterstützer während der Fundingphase noch täglich mit Updates bedacht, fahren leider alle Firmen nach Ende der Kampagne ihr Mitteilungsbedürfnis fast auf Null runter. Das ist bedauerlich, da gerade hier eine aktive Kommunikation dazu beitragen würde, Zweifel und Ärger der Backer zu vermeiden. Es passiert leider viel zu oft, dass Änderungen oder Probleme bei der Produktion über die Gerüchteküche die Backer erreicht. Dann ist das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen. Die meisten Firmen reden sich mit mangelnder Manpower raus. Ist meines Erachtens aber keine gute Begründung. Jede Woche mal einen Absatz zum aktuellen Stand der Dinge schreiben dürfte keine 20 Minuten brauchen. Der positive Effekt wäre aber erheblich. Aber das hat sich bis jetzt noch nicht rumgesprochen.

Ab in die Crowd

Unter dem Strich sind Kickstarterprojekte also eher mit Vorsicht zu genießen. Man sollte schon etwas Risikobereitschaft mitbringen, wenn man Early Adaptor sein möchte. Leuten, die sich leicht aufregen würde ich eher davon abraten, Leute, die sich gerne aufregen eher zuraten. Ein dickes Fell, etwas Leidensfähigkeit und die Bereitschaft nur Geld zu setzen, dass man übrig hat sind auch hilfreich. Man darf ja auch nicht vergessen, dass nicht nur das finale Produkt sondern auch die Beteiligung am Entstehungsprozess durchaus ihren Reiz haben kann.

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