Retro, retro – C64 wiederbeleben oder emulieren?

Heuet mach ich blau - den C64 reaktivieren (Bild: © O.Thiele)

Heute mach ich blau – den C64 reaktivieren (Bild: © O.Thiele)

Die guten, alten Zeiten. Zwischen mir und meinem kleinen Bruder gibt es eine kleine Tradition. Einmal im Jahr, so es sich einrichten lässt zu Weihnachten (oder drum herum), wird die alte Brotkiste hervor geholt und dann spielen wir jeder einmal Fort Apocalyse durch. Begründet ist diese Tradition darin, dass wir damals, als wie noch bei unseren Eltern gewohnt haben, uns damit den Vormittag an Heiligabend vertrieben und den Ausgang des Spiel als Geschenke-Orakel genutzt haben. War der rechte Weg zum Reaktor (der, durch den man sich durchballern konnte) frei, gab es gute Geschenke. Musste man den linken durch das Labyrinth nehmen… naja, empirisch belegt war das jetzt nicht. Nichts desto trotz ist so eine nette kleine Tradition entstanden, die einen jedes Jahr wieder das gleiche Problem bereitet. Wie bekomme ich den alten C64 wieder zu laufen?

Hat man noch ein funktionsfähiges Modell zuhause rumliegen stellen sich da so einige Hürden. Die größte Hürde ist mittlerweile der Anschluss an einen Fernseher. HDMI ist bei dem alten Commodore ja leider noch nicht verbaut und moderne TVs kommen mittlerweile nicht mal mehr mit Composit, Scart oder S-VHS-Eingängen daher. Moment, C64 und S-VHS? Ja, das geht. Weiß nur seltsamer Weise nicht jeder. Der Ausgang für den RF-Tuner war ja damals der Standard, den aus meinen Bekanntenkreis wohl ausnahmslos jeder genutzt haben dürfte. Das lag aber vermutlich auch daran, dass die Fernseher, die uns Kleinen damals überlassen wurden, nicht mit entsprechend höherwertigen Eingängen bestückt waren.

RF ist out und selbst S-VHS über den Videoausgang kann schierig werden (Bild: © O. Thiele)

RF ist out und selbst S-VHS über den Videoausgang kann schierig werden (Bild: © O. Thiele)

Wer sein C64 mit Scart oder S-VHS betreiben möchte braucht nur ein entsprechendes Kabel, das dann an die Audio/Videobuche des Brotkastens angeschlossen wird. Wer nicht selber löten will findet solche Kabel auch heute noch zuhauf bei ebay. Kostet nicht mal ein 10er.

Zufälliger Weise habe ich zuhause noch an meinem Computer-Monitor Composit und S-VHS-Eingänge. Aber das wäre zu einfach. Leider erzeugt der C64 hier nur ein lustiges Schneegestöber. Erster Gedanke: Kabel kaputt. Kann ja bei älterer Hardware mal passieren. Aber ein Gang durch die Wohnung zeigt: anscheinend kommt heutzutage wohl auch nicht mehr jedes Gerät mit den Signalen klar, die aus so ein Kabel herauskommen. Über meinen alten Festplattenrekorder, den ich dann mit Componenten-Ausgang an den Monitor angeschlossen habe, geht es dann doch. Muss man also im Hinterkopf behalten. So ein Kabel kann also auch wählerisch bei den Geräten sein.

Bis jetzt hatten wir schon deutlich Aufwand für die Inbetriebnahme. Der kann sich aber noch vergrößern. Spätestens bei der Frage, ob die Disketten von damals noch funzen (wenn man sie denn wiederfindet) kann man sich mit Fug und Recht fragen, ob es da nicht einfachere Wege gibt.

Zwei Ausgangssituationen haben wir. Die erste ist die Situation, dass man noch einen funktionsfähigen C64 besitzt und diesen erfolgreich zum Laufen bekommen hat. Die zweite Situation beschreibt den Umstand, dass man ohne lauffähiges System dar steht. Sei es durch einen Defekt, Inkompatibilitäten der Geräte oder einfach Abwesenheit der Brotkiste an sich.

Behalten oder emulieren? Das ist hier die Frage (Bild: © O.Thiele)

Behalten oder emulieren? Das ist hier die Frage (Bild: © O.Thiele)

In der ersten Situation stellt sich primär die Frage, ob man die zeitlich begrenzet Haltbarkeit der Medien nicht durch alternative Speicherarten austauschen kann. Auf eine SD-Karten passen heutzutage ja mehr Bytes drauf, als es insgesamt Software für den C64 überhaupt gegeben hat. Da habe ich so auf Anhieb drei Lösungen für gefunden.

Die erste Lösung heißt SD2IEC. Hierbei handelt es sich um SD-Card-Leser, den man über den seriellen Port an den C64 anschließen kann. Das SD2IEC ist eine relativ günstige Lösung. Wer selber basteln möchte ist mit unter 40 Euro dabei. Fertige Lösungen kommen auf 60 bis 65 Euro. Leider ist der Leser keine 100%ige Floppy-Emulation. Man kann zwar einen großen Teil Roms von SD-Karte lesen. Bei Programmen mit eingebauten Schnellader oder wenn es darum geht, Daten oder Spielstände abzuspeichern hat man ein Problem. Für „mal eben eine Runde Babarian“ spielen also kein Problem. Bards Tale durchbekommen wird jedoch schwierig.

Wer eine komplette Emulation der guten, alten 1541-Floppy möchte muss leider tiefer in die Tasche greifen und sich eine 1541 Ultimate kaufen. Sie kommt auch mit Turboladern und abspeichern zurecht. Außerdem kann sie wohl auch noch diverse Action Replay-artige Modulerweiterungen emulieren. Zwei Nachteile gibt es bei der 1541 Ultimate. 1. Der Preis ist mit etwa 150 Euro schon recht happig. 2. Man kann Sie nicht einfach mal so eben bestellen. Der Hersteller sammelt immer Bestellungen und wenn genügend zusammen gekommen sind wird produziert. Da braucht man schon Geduld.

Leider nur ein schlechter Kompromiss - der Competition Pro Nachbau (Bild: © O.Thiele)

Leider nur ein schlechter Kompromiss – der Competition Pro Nachbau (Bild: © O.Thiele)

Die ultimative Lösung dürfte das Turbo Chameleon 64 sein. Neben dem Kartenleser hat dieses feine Teil nämlich noch diverse Schnittstellen. Hervorzuheben dürfte hier der VGA-Anschluss sein. Damit hätte man dann auch die Anschlussprobleme von oben minimiert. Es geht aber noch mehr. Das Turbo Chameleon funktioniert auf Wunsch sogar stand alone, womit wir die Kandidaten ohen funktionsfähigem C64 abgeholt hätten. Man muss nicht mal mehr den C64 vom Dachboden holen. Netzteil dran, Tastatur dran und über optionale Dockingstation vier D-Sub9-Schnittstellen für digitale Joysticks… fertig. Und beim C64 ist nicht Schluss. Das Chameleon kann diverse Rechner emulieren. Amiga? Jo. Atari XL? Kein Problem. Soviel Funktion hat aber leider auch seinen Preis. 249 Euro muss man auf den Tisch blättern. Da bekommt man schon günstiges Notebook für. Sonderlich schön ist es dabei auch nicht.

Wer es sich schön wünscht kann mal einen Blick auf… tatatataaaa… folgende Kickstarter-Kampagne werfen. Der „World’s Smallest C64 Emulator“ von Staringlizard will einen kompletten C64 mit zwei D-Sub9-Port, USB und HDMI-Ausgang in sich vereinen. Leider gebe ich dem Projekt keine großen Funding-Chancen. Die Idee ist cool und der Entwickler hat auf dem Gebiet schon so einiges an Erfahrung. Die Pledges, die man abgibt, bringen einem jedoch nichts, außer einen schönen Dank ein. Man unterstützt rein die Entwicklung des Prototypens. Wenn man sich zumindest schon mal einen Platz in der ersten Reihe bei einer potentiellen Serienfertigung sicher könnte… Aber komplett ohne Gegenleistung ist die Motivation dort mitzumachen wohl eher gering. Im Auge sollte man das trotzdem behalten.

Wenn man sich so einen Komplette-Emulator anschaut kommt zwangsläufig die Frage auf, ob man dann nicht vielleicht komplett auf einen Software-Emulator a la vice setzen sollte. Solange man nicht den Schuhkarton auf dem Schreibtisch stehen haben möchte und die alte Tastatur ertragen will gibt es eigentlich nur einen Grund, nicht auf einen Software-Emulator zu setzen. Die guten, alten digitalen Joysticks sind zumindest für das Spielerlebnis für mich unverzichtbar. Mit Gamepads oder analogen Sticks ist das einfach nicht das Gleiche. Dann kann man auch gleich auf dem iPad spielen.

Aber auch hier gibt es Lösungen. Ok, der nachgemachte Competition Pro mit USB-Anschluss ist keine davon. Zum einen mochte ich den Competition nie, da ich den Feuerknopf am Zeigefinger brauche und zum anderen hat der Nachbau einen sehr störenden Lag, der den Spaß deutlich einschränkt.

Ich werde mir mal die am Markt erhältlichen Joystickadpater von D-Sub9 auf USB anschauen. Wen da was Funktionierendes zu günstigem Kurs zu bekommen ist würde ich den C64 wieder in den Keller verbannen. Die Emulation am normalen Rechner ist mittlerweile so hochwertig, dass mir eigentlich nur die Stick-Unterstützung fehlt. Und Platz auf dem Schreibtisch ist ja auch wertvoll.

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